"Wir haben Fehler gemacht"

Interviews, BFM, 02.04.2012. transfair magazin, Matthias Humbel

transfair magazin: "Wenn wir auf die vergangenen Monate zurückblicken, hat sich beim BFM viel getan. Erst die Reorganisation, verschiedene personelle Wechsel und nun der organisatorische Weg zurück zum Zustand vor der Reorganisation. Für die Mitarbeitenden des BFM und die Sozialpartnerschaft war diese Zeit sehr belastend. Aus aktuellem Anlass hat transfair Branchenleiterin Janine Wicki den Direktor des BFM, Mario Gattiker, zum Gespräch getroffen."

Herr Gattiker, Sie sind seit 1. Januar 2012 Amtsdirektor beim BFM, bereits seit Oktober 2010 leiten Sie das BFM ad interim, wie fällt Ihr Resümee zu dieser Zeit aus?
Mario Gattiker: Es bestehen innerhalb und ausserhalb des BFM Baustellen. Ich habe mir vier Prioritäten gesetzt: die Bewältigung des Anstiegs der Asylgesuche, die aktuelle Asylgesetzgebung einschliesslich der geplanten Neustrukturierung des Asylbereichs, intern ist es das Besetzen der vakanten Kaderstellen sowie die Organisations­entwicklung. Eine weitere Priorität ist die Verbesserung der Zusammenarbeit mit den Akteuren im Umfeld, dazu gehören Kantone und Sozialpartner.

Frau Wicki, wie hat transfair diese Zeit wahrgenommen?
Janine Wicki: Die letzten 3 Monate waren eine wahnsinnig bewegte Zeit, insbesondere für die Mitarbeitenden. Der Schwerpunkt lag klar auf der Reorganisation. Wir hatten viele Rückmeldungen von Mitgliedern, aber auch von Medien und Parlamentariern, vom ganzen Umfeld. Zu viel war in Bewegung, die Kadenz war viel zu hoch für das Tagesgeschäft.

Wieso haben Sie so lange an der Reorganisation festgehalten, obwohl die Fakten immer deutlicher aufzeigten, dass diese nicht zum gewünschten Erfolg führen wird?
Mario Gattiker: Die neue Organisation wurde per Oktober 2010 in Kraft gesetzt. Es gab früh kritische Stimmen der Mitarbeitenden. Doch man musste die Organisation arbeiten lassen und Erfahrungen sammeln. In der Folge kam zu Beginn des Jahres 2011 die Situation in Nordafrika mit den Gesuchsanstiegen erschwerend hinzu. Für die Direktion ging es darum, herauszufinden, ob die Probleme durch diese Mehrbelastung entstanden oder ob es tatsächlich nicht funktioniert.
Im Juni haben wir in der Geschäftsleitung dann 4 Problembereiche definiert, die weiterhin gelten: die Frage der Polyvalenz, der Führungs­spannweite, dann die Schnittstellen zum neuen Direktionsbereich Migrationspolitik sowie die Ressourcen.

Wie haben sich die ganzen personellen Wechsel auf das Amt ausgewirkt?
Mario Gattiker: Seit Ende 2007 hat es verschiedene Wechsel in der Direktion gegeben, auch in der Departements­leitung. Es war eine sehr unruhige Situation, die sich nun hoffentlich beruhigt. Im Direktionsbereich Asyl & Rückkehr werden nun die Probleme endlich offen angesprochen, das ist ebenfalls wichtig für die Mitarbeitenden. Die Realität der Mitarbeitenden und der Diskurs von oben treffen nun wieder zusammen, was längere Zeit nicht der Fall war. Es ist sicher noch eine Verunsicherung da, ich denke aber nicht, dass diese nun grösser wird. Im Gegenteil, die Leute sind froh, dass die Probleme angegangen werden.

Warum hat die Geschäftsleitung so lange daran festgehalten?
Mario Gattiker: Ich denke nicht, dass man in der Führung zu lange gewartet hat. Dass die Wahrnehmung der Mitarbeitenden eine derart andere ist, zeigt aber, wie sehr man mit dem Konzept, was den Direktionsbereich Asyl und Rückkehr anbelangt, auf dem Holzweg war. Es gibt zwei Perspektiven, die beide richtig sind: diejenige der Mitarbeitenden, die gesehen haben, dass das Grundkonzept falsch ist. Und diejenige der Direktion, die einem solchen Prozess auch Zeit lassen musste. Daneben muss man aber auch sehen, dass die Reorganisation in anderen Bereichen gelungen ist; der Ausländerbereich ist mit dem Direktionsbereich Zuwanderung und Integration besser aufgestellt als vorher.

Die Umfrage von transfair, aber auch der Expertenbericht haben gezeigt, dass viele Mitarbeitende das Vertrauen in die Geschäftsleitung verloren. Wie wollen Sie dieses Vertrauen wiedergewinnen?
Mario Gattiker: Es ist ganz wichtig, dass die Probleme jetzt offen angesprochen werden. Wir haben Fehler gemacht, die Führung trägt dafür die Verantwortung, und dazu muss sie stehen. Es darf jetzt kein Schönreden geben. Als Zweites müssen nun die Konsequenzen daraus gezogen werden. Ich setze auf partizipative Prozesse bei der Organisationsentwicklung, es braucht das Engagement der Mitarbeitenden – auf freiwilliger Basis. Als Drittes ist Transparenz sehr wichtig. Auch diejenigen, die nicht aktiv mitmachen wollen, müssen wissen, was passiert. Zudem sollen auch die Kantone, als wichtigste Partner des BFM, und die Sozialpartner einbezogen werden.
Die letzte Reorganisation hat sehr grosse Wunden hinterlassen, es gab Abgänge im höheren und mittleren Kader, und die Resignation hat in einigen Bereichen des BFM zugenommen. Es muss ein Ziel der Organisations­entwicklung sein, Mitarbeitende, die sich nicht mehr ausreichend mit dem BFM identifizieren konnten, zurückzugewinnen, ohne diejenigen zu verlieren, die sich in der letzten Reorganisation engagiert haben.

In welchem Zeitraum soll die Re-Reorganisation umgesetzt werden?
Mario Gattiker: Es war angedacht, dass die Grundorganisation bis Ende Juni steht. Wahrscheinlich brauchen wir noch den Sommer, ab Herbst können wir dann umsetzen. Wir haben bewusst keinen zu ambitionierten Zeitrahmen, wir wollen Rücksicht auf die Mitarbeitenden nehmen. Es soll kein Top-Down-Prozess sein.

Warum wurden die Sozialpartner nicht früher miteinbezogen? Unter Frau Widmer-Schlumpf wurden wir immer von Anfang an konsequent miteinbezogen. Nach dem Departements­wechsel entstand ein Vakuum, erst jetzt spüren wir langsam wieder eine Veränderung.
Mario Gattiker: 2011 haben sich die Probleme überlagert. Nordafrika, die Kantone, der Departements­wechsel, die Reorganisation: Es gab verschiedene Baustellen, an welchen die Direktion intensiv engagiert war.
Janine Wicki: Dies führte dazu, dass wir uns auf anderem Weg Gehör verschaffen mussten. Wir waren vor Ort bei den Mitarbeitenden, zeigten ihnen, dass wir da sind, dass wir etwas tun. Und wir haben so Druck aufgebaut.

Was bedeutet Ihnen die Sozialpartnerschaft mit transfair, und wie wird diese zukünftig gelebt?
Mario Gattiker: Die Sozialpartnerschaft hat verschiedene Facetten, auch die Personalkommission gehört dazu. Sie ist ein Mittel, um die Partizipation der Mitarbeitenden zu fördern. Wir achten daher darauf, dass sie miteinbezogen wird. Partizipation der Mitarbeitenden ist sehr wichtig. Die Sozialpartner können uns auf Aspekte aufmerksam machen, die die Geschäftsleitung nicht im Fokus hat. Die Sozialpartnerschaft sollte z. B. durch regelmässige Treffen gelebt werden. Wir sollten uns also nicht nur bei Problemen zusammensetzen, sondern bereits vorher, um Probleme zu vermeiden. Meine Türe ist deshalb immer offen für alle.

Was bedeutet die Sozialpartnerschaft für transfair?
Janine Wicki: Auch für uns ist diese Partnerschaft sehr wichtig. Wir sehen uns als eine Art Barometer. Wir fühlen, was die Leute beschäftigt. Auch für uns ist Kontinuität sehr wichtig. Schliesslich verfolgen wir beide dasselbe Ziel: Wir wollen zufriedene Mitarbeitende im BFM.

Möchten Sie den Mitarbeitenden des BFM an dieser Stelle noch etwas mit auf den Weg geben?
Mario Gattiker: Sie sollen nicht die Faust im Sack machen, sondern Probleme ansprechen. Und offen sein für Veränderungen. Es ist wichtig, dass sich die Mitarbeitenden einbringen können, sich auch ernst genommen fühlen.

Herr Gattiker, Sie haben bisher äusserst turbulente Zeiten beim BFM erlebt, was ist Ihr grösstes Erfolgserlebnis in Ihrer Funktion als Amtsdirektor?
Mario Gattiker: Es gibt zwei Ereignisse, die mich sehr gefreut haben. Zum einen die interne Vollversammlung mit den Mitarbeitenden im Direktionsbereich Asyl & Rückkehr, bei welcher es um die erneut anstehenden organisatorischen Veränderungen ging. Es wurde sehr sachlich, engagiert und konstruktiv diskutiert, und dies in einem Moment, der für einige der Mitarbeitenden erneut Verunsicherung bringt. Ähnliches habe ich bei der Gemeindeversammlung in Meiringen-Hasliberg erlebt, die ähnlich sachlich und konstruktiv verlaufen ist. Es ging um eine Militär­unterkunft, die ab April 2012 als temporäre Unterkunft für Asylsuchende genutzt werden soll.
Es freut mich, wenn solche Dialoge unter schwierigen Bedingungen möglich sind, wenn man Probleme offen ansprechen und diskutieren kann. Wir haben nicht immer für alles sofort eine Lösung parat, aber der Dialog ist der erste Schritt dazu.